Donnerstag, 10. Januar 2008 www.murrhardter-zeitung.de

MURRHARDT UND UMGEBUNG


Ein Professor, der Krimis zur Entspannung schreibt

„Der Tote von Can Victor“ ist Titus Simons drittes Buch  -  Eine Geschichte mit Wurzeln im spanischen Bürgerkrieg

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    Schreibt auch gern auf seinen Zugfahrten nach Magdeburg: Titus Simon.  
    Foto: E. Layher
Murrhardt - In seinem Alltag an der Hochschule Magdeburg schreibt der frühere Murrhardter Stadt- und Kreisrat Professor Dr. Titus Simon vor allem Fachbücher. Ein Spezialgebiet ist dabei das zurzeit hochaktuelle Thema Jugend und Gewalt. Und weil da Schreiben über akademische Inhalte oft sehr präzise sein muss, gönnt er sich in seiner Freizeit ab und zu einen geistigen Ausflug und bastelt an mörderischen Geschichten. Nach den ersten zwei Krimis mit Regionalkolorid ist nun sein drittes Buch. erschienen: Ein Katalonien-Krimi, bei dem es um den spanischen Bürgerkrieg geht. Ein spannendes Buch, vor allem‘ auch wegen den historischen Verflechtungen‘ zwischen Deutschland, Österreich und Spanien - in Form von fiktiven Lebensgeschichten.
VON CHRISTINE SCHICK.

In Ihrem neuen Krimi spielen ja sehr alte Menschen die Hauptrolle: Können Sie kurz zusammenfassen, um was es geht, ohne den Schluss zu verraten?
Gotthilf Bröckle, ein ehemaliger Polizist, hat eigentlich nur, den Auftrag, in einer im katalanischen Bergland gelegenen Finca Fliesen zu legen, die von mehreren Deutschen und einem Spanier als Sommersitz genutzt wird. In unmittelbarer Nähe findet er in einer trocken gelegten Weinzisterne die Leiche eines alten Mannes. Die eher beiläufigen Ermittlungen, die der Polizist parallel zur offiziellen Untersuchung des Falles vornimmt, bewegen sich sehr rasch im verwobenen Netz der Lebensgeschichten dreier sehr alter Männer, die sich in verschiedenen Schlüsselsituationen begegnet sind. Unterschiedliche Motive führten sie als Jugendliche und sehr junge Erwachsene in den spanischen Bürgerkrieg. Alle drei gelangen in Folge dramatischer Ereignisse ins Konzentrationslager Buchenwald. Und zu einer letzten Begegnung kommt es im Sommer 2006.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Krimi über den spanischen Bürgerkrieg zu schreiben? Wir haben ganz in der Nähe, des erfundenen Schauplatzes eine Finca mit drei Freunden, einem Katalanen und zwei ursprünglichen Murrhardtern, die aber heute in Berlin und in der Nähe von Barcelona leben. In der Nähe gibt es eine Ruine, in  der ich fast durch ein Gewölbe gebrochen wäre. Diesen Ort hat mich sehr inspiriert. Später fand ich heraus, dass dort eine ganze Familie ermordet wurde, weil sie angeblich eine Widerstandsgruppe an das Franco-Regime verraten hat. Die genauen Umstände konnte ich leider nicht rekonstruieren: Dieses Buch bestellenDer Hintergrund ist, dass sich dort nach Ende des spanischen Bürgerkriegs in den Bergen noch lange der katalanische Widerstand gegen Franco hielt - das muss man sich als Mischung aus politischem Widerstand, Vagabundentum und Kleinkriminalität vorstellen. Die haben sich an der Bevölkerung bereichert, um zu überleben.

Wie haben Sie recherchiert?
Ein Freund, der schon lange in Katalonien lebt, hat mir geholfen, die dortigen Polizeistrukturen‘ zu verstehen. Dann hab ich das große Glück, an der Hochschule in Magdeburg einen Pathologen zu kennen, den ich fragen konnte. Er war in der ehemaligen DDR eine Koryphäe. Was geschichtliche Dinge angeht, war das militärhistorische Archiv in Freiburg eine wichtige Quelle Und zu den Konflikten im spanischen Bürgerkrieg hatte ich schon zuvor viel gelesen. Ein Problem war, dass es in Spanien noch keine unabhängigen offiziellen Archive gibt. Die Unterlagen sind alle noch beim Militär, das im Zweifelsfall pro Franco ausgerichtet ist. Und dann gibt es die Geschichtsschreibung der linken Gruppierungen. Dazu konnte ich über ‚unsere Partneruniversität
in Spanien einiges erfahren.

Haben Sie bewusst dieses komplexe, historische Thema mit den Verbindungen zum Dritten Reich und der DDR gewählt? Wieso gerade jetzt? Es gibt ja nicht mehr viele Zeitzeugen, und die noch lebenden sind sehr alt. Aber die Personen, die ich getroffen habe, waren hochvital, und haben mich darin bestätigt, dass auch hochbetagte Menschen noch sehr aktive Rollen spielen können. Außerdem kann eigentlich erst seit kurzem das Thema Bürgerkrieg in Spanien wirklich offen verhandelt werden. Nach dem Tod von Franco gab es einen nationalen Konsens nach dem Motto „Wir lassen die Gräber zu“, im bildlichen wie realen Sinne.

Gotthilf Bröckle ist ja di Figur, die sich durch alle Krimis zieht. Haben Sie je überlegt, eine andere Figur auftreten zu lassen?
Ne, den mag ich, den kann ich mir gut vorstellen. Das ist so ein schwäbisches Schlitzohr. Er hat in einer Parteispendenaffäre ermittelt, in einer ieälen, die es in Schwäbisch Hall gab, wurde von einflussreichen Leuten gestoppt und hat deshalb den Dienst quittiert. Und ein wichtiger Grundzug in allen Krimis von mir: Die Polizei wird nicht veräppelt. Die Polizisten sind keine Pfeifen, Gurken oder Bürokraten. Die Kommissare, die da auftauchen, sind immer ganz korrekt, nur die Lösung wird letztendlich von Gotthilf Bröckle erledigt.

Haben Sie mal. überlegt, ob Bröckle vielleicht zu klischeehaft, zu schwäbisch wirken könnte?
Ne, da bin ich Regionalist, da bin ich Schwabe. Ein Literaturkritiker hat mal geschrieben, der Autor hat seinen Bienzle gut gelesen. Auch der Dialekt ist mir wichtig. Das war allerdings ein Problem beim allerersten Krimi, ein Verlag wollte das Buch sofort, aber die schwäbischen Passagen mussten raus. Nur Weniges, ein Fluch oder ein Ausruf, konnte schwäbisch gehalten sein, das war bitter. Jetzt habe ich mich schon besser darauf eingestellt.

Gibt es Vorbilder, Krimischreiber, die, Sie selber gerne lesen?
Vorbilder eigentlich nicht, beim Schreiben muss, man seinen ‚eigenen Stil finden. Aber ich bin ein entschiedener, Freund des nordischen Krimis, dazu gehören beispielsweise Harkan Nesser, Henning Mankell oder, Maj Söwall und Per Wahlöö, die ich ‚schon vor 25 Jahren gelesen habe. Aber von diesen unterscheide ich mich mit meinen eigenen Büchern ja massiv. Denn bei diesen Autoren sind die Polizisten zwar auch sehr erfolgreich, aber die Krimis beinhalten eine ausgeprägte Gesellschaftskritik. Maj Söwall und Per Wahlöö schreiben über die verrottete Polizei. Meine Polizisten, die zwar nicht wirklich erfolgreich sind, werden immer als sehr seriös und objektiv geschildert.

Hat das einen bestimmten Grund?
Ich wollte einfach das. Klischee nicht so bedienen. Vielleicht auch so ein bisschen das Spiel mit gewissen Vorurteilen. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein gesellschaftskritischer Mensch bin, auch in Bezug auf die Polizei. Ein Spezialthema von mir ist der öffentliche Raum. Ich habe mehrere Bücher darüber geschrieben, mich mit der Frage beschäftigt, wem der öffentliche Raum gehört und den Ordnungs- und Sicherheitswahn kritisiert. Und die Leute hätten sicher erwartet, dass der Simon Krimis schreibt, in denen er Häme und Kritik am Polizeiapparat formuliert. Und diese Erwartung wollte ich in diesem Freizeitgeschäft, was es ja letztendlich ist nicht bedienen.

Buch bestellenVom Fußballmilieu nach Katalonien

In allen drei Krimis ermittelt Titus Simons Protagonist Gotthilf Bröckle

Murrhardt (pm) - Simons Krimi-Erstling „Mord im Abseits“ wurde nach Erscheinen von der Fachzeitschrift Buchreport zum Buch der Woche gekürt, der Literaturkritiker Thomas Przybilka erklärte seinerzeit den Band zum „gelungenen Debüt“. Auch der zwei Jahre ‘später erschienene Krimi „Der Stadionmörder“ spielt in der Region, die Lösung des Falles allerdings muss in den Sphären des Bundesligafußballs gesucht werden. Ermittelt wird in verschiedenen Milieus, der kommunalen und überregionalen Politik und am Ende gelingt dem Protagonisten, dem schwäbischen Grantler Gotthilf Bröckle, die Entschlüsselung eines Falles, der eine Reihe überraschender Wendungen nimmt.

Einige Jahre nach dem Erscheinen der Erstausgabe wurde der vergriffene Band in einer behutsam überarbeiteten Neuauflage herausgegeben. Dies geschieht zeitgleich mit dem Erscheinen von Simons neuem Krimi „Der Tote von Can Victor“. Die verschiedenen Handlungsstränge, deren Entwirrung sich Gotthilf Bröckles annimmt, stellen Bezüge zu historischen Ereignissen in Osterreich, Deutschland und Spanien her Die dem Roman zu Grunde liegenden historischen Fakten wurden vom Autor in Deutschland, Österreich und Spanien recherchiert. Neben den kriminologischen und politischen Dimensionen streift die Erzählung das fröhliche Chaos einer Gemeinschaft aus Einheimischen und Deutschen, die im Herzen Kataloniens eine Finca zum Sommersitz ausgebaut hat. Beide Bände sind über den Buchhandel oder den Sich Verlag Magdeburg erhältlich: Der Stadionmörder, Neuauflage 2008, 169 Seiten, ISBN 978-3-9811692-3-2, 9,95 Euro und der Tote von Can Victor, 219 Seiten, ISBN 978-3-9811692-4-9, 11,95 Euro.

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